Ausgewähltes


 


Das Virus

Eine Kurzgeschichte in zwei Akten

 

Die Hologrammblasenkonferenz

In einem luxuriösen Büro hoch über dem geschäftlichen Treiben des Finanzzentrums warteten zwei elegante Herren voller Nervosität und Angst auf das Erscheinen jener Frau, die dem irdischen Ableger der Bruderschaft von KreOkPu in diesem Kalenderjahr vorstand. Als Angelique, so lautete der Chefin Name, in Form einer Hologrammblase ihre Aufwartung machte, konnte selbst ihr engelhaftes Gesicht nicht über die unterirdische Laune hinwegtäuschen, welche sie heimsuchte. Umgehend fokussierten ihre vor Wut lodernden, braunen Augen die beiden ranghohen Mitglieder. Die Hologrammblase, die mitten im Raume schwebte, flackerte einmal kurz auf, bevor die Gestalt der Chefin wieder glasklar wurde und sie in einer Stimme zu sprechen begann, die außergewöhnlich scharf und böse klang, jedoch bei bestimmten Personen sexuelle Begehrlichkeiten zu wecken vermochte.

„Ihr nutzlosen Esser!“, zischte Angelique los. „Ihr hoffnungslosen Flachpfeifen! Ich übertrage euch die Verantwortung für ein Projekt solcher Tragweite und ihr schallert euch in dem Labor dermaßen mit Felicitas und Schnaps zu, dass das Virus von dort, wie auch immer ihr das angestellt habt, entweichen kann.“, nun steigerte sich das verbale Zischen in ein bedrohliches Brüllen hinauf: „Ein Virus, dessen Erforschung die Bruder- und Schwesternschaft von KreOkPu mehrere Milliarden Euro gekostet hat! Ein Virus, welches Menschen befällt, die von materieller Gier und Oberflächlichkeit beseelt sind, diese in ihre Atome zersetzt und die Atome ins Universum entweichen lässt! Das Virus war weder getestet noch einsatzfähig! Ich erwarte von euch Schluckspechten, dass ihr mich in zwei Stunden via Hologrammkonferenz kontaktiert und mir erklärt, wie ihr in dieser Sache weiter verfahren wollt! Lasst euch bloß was einfallen!“

Die Hologrammblase mit der zweiundvierzigjährigen Angelique darin verschwand in einem raschen Auflösungsprozess, der dem Verschwinden von Zigarettenrauch glich und zudem an einen Flaschengeist aus einem Zeichentrickfilm erinnerte.

Zurück blieben zwei gutaussehende Männer im besten Alter, die ihr beträchtliches Vermögen hohen Positionen in der petrochemischen Industrie verdankten, aber nun absolut nicht mehr wussten, was zu tun sei.

 

 

 

 

In den Tiefen des Automatencasinos

Secils Leben aus der Spur geworfen hatten private Rückschläge und eine schwere Depression, die in deren Fahrtwasser trieb. Dem war auch ihr geliebtes Lehramtsstudium zum Opfer gefallen. Statt Kinder in ihrer beschaulichen Heimatstadt zu unterrichten, fuhr sie nun Taxi in jener Metropole, wohin sie vor einigen Jahren gezogen war, um den Dämonen der Erinnerungen zu entfliehen. Sie hatte den Rucksack gepackt, den Schlüssel zu ihrer kleinen Wohnung dem Nachmieter in die Hand gedrückt und war einfach in den Zug gestiegen, welcher sie an einen anderen, genau diesen Ort brachte. Seitdem lebte Secil zur Untermiete bei der wohlhabenden Witwe Bold in dem geräumigen Zimmer einer wundervollen Altbauwohnung.

Obgleich die beiden so unterschiedlichen Frauen beinahe fünfzig Erdenjahre an Lebenszeit voneinander trennten, verband sie mittlerweile eine tiefergehende Freundschaft. Zu einem festen Ritual dieser außergewöhnlichen Beziehung war es geworden, dass Secil Witwe Bold jeden Morgen, bevor sie zur Arbeit aufbrach, aus der Zeitung oder dem Internet interessante Nachrichten vorlas, weil die Augen der alten Dame einfach nicht mehr so wollten wie diese selbst. Bei ihrem Tun wurde stets ein leichtes Frühstück gereicht und Schwarzer Tee auf die britische Art serviert. Nachdem Secil die Nachrichten verlesen hatte und das Frühstück verspeist worden war, verabschiedete die ältere die wesentlich jüngere Frau stets mit den Worten: „Hab einen wundervollen Tag, meine liebe Secil! Pass auf dich auf und gute Geschäfte!“

So geschah es auch an jenem Donnerstagmorgen, welcher einen schönen Tag im Mai versprach, da draußen jenseits der hohen Fenster des altehrwürdigen Hauses die Sonne von einem königsblauen Himmel voller Schäfchenwolken lachte. Secil stieg die hölzernen Treppen des Flures hinab, um kurz darauf durch die Haustür ins Freie zu eilen. Die Wärme streichelte die Gesichtshaut unter den dunklen Haaren, als die fünfunddreißigjährige, mollige Frau auf die grauen Platten des Gehsteiges trat. Die Stelle, an welcher Nachtfahrer Jörg samt gelben Wagens zumeist gutgelaunt auf die Schichtübergabe wartete, lag fünfhundert Meter Fußmarsch von hier entfernt. Secil genoss ihn jeden Tag aufs Neue; ihr eigener Weg durch das Herz dieser Millionenstadt mit ihren prächtigen Häusern und sonstigen Bauwerken inklusive eines Pulses aus Menschen allen Alters und aller Herren Länder, der niemals gänzlich zur Ruhe kam. Secil beobachtete nur zu gerne und zu genau die Feinheiten dieses Herzschlages, so dass ihr manchmal gar der Stein an einer Halskette oder der bräunliche Kaffeefleck auf einem weißen T-Shirt nicht entging.

Umso erstaunter war sie, dass die Bürgersteige am heutigen Tag eine einzige Leere an Menschen darstellten. Eine Katze lag auf einer der sich langsam erwärmenden Gehsteigplatten und putzte voller Sorgfältigkeit ihr schwarzweißes Fell. Der Zustand, dass - aus welchen Gründen auch immer - das hektische Alltagstreiben herumflanierender Passanten heute fehlte, schien sie gerade nicht im Geringsten zu beunruhigen. In der verkehrsberuhigten Zone fielen Secil nun eine Reihe an PKW und der Kleinlaster eines Paketdienstleisters auf, welche mit laufenden Motoren auf der recht freien Straße standen, sich allerdings keinen Zentimeter vorwärtsbewegten. Beim genaueren Hinschauen wurde rasch klar, dass weder Männlein noch Weiblein hinter den Lenkrädern hockten und es auch keine wartenden Beifahrer zu sehen gab.

Obgleich in ihr etwas aufschrie, es hier mit einer vollkommen ungewöhnlichen Situation zu tun zu haben, redete sie sich ein, dass doch alles vollkommen normal sei.

Die Paketfahrer stehen massiv unter Zeitdruck, das weiß doch jeder! Der Fahrer liefert eine Sendung aus und hat den Motor einfach laufenlassen, damit er gleich weiterfahren kann. Und die anderen? Die werden wohl auch in Eile sein und deshalb laufen die Motoren. Wir leben in verrückten, hektischen Zeiten! Das färbt an bestimmten Tagen sicherlich mehr auf die Menschen ab, als es das an anderen tut!

Ein paar Meter weiter die Straße hinauf war ein roter Personenkraftwagen auf einen silbernen gefahren und hatte somit für stärkere Schäden im heiligen Bleche gesorgt. Doch auch hier liefen lediglich die Motoren und von den Fahrerinnen und Fahrern gab es nicht das Geringste zu sehen.

Was geht heute ab in dieser Stadt? Liegt es vielleicht am Mond oder den Sternen?

Secil kam von der eher kleineren Seitenstraße auf eine der größeren Hauptstraßen, wo vereinzelt Geschäfte und Restaurants existierten. Weil sie stets schnellen Schrittes ging, legte die Taxifahrerin eine fußgängerische Vollbremsung hin und stand urplötzlich wie angewurzelt dort, um die neue Szenerie zu betrachten, wobei sie der Gattin Lots glich, nachdem diese zur Salzsäule erstarrt war. Auf der gesamten Straße befanden sich bewegungslose Kraftfahrzeuge aller Arten. Stellenweise waren sie durch Auffahrunfälle ineinander verkeilt. Eines hatte den Weg in eine der Hausfassaden hineingefunden, so dass es mit verbeulter Fronthaube quer auf dem Bürgersteig stand und aus dem Motorraum sich blauer Rauch in die Höhe kräuselte. Weiter unten, dort wo die große Straße eine Kurve zog, war eine Straßenbahn aus ihrer stählernen Spur gesprungen. Nur Menschen gab es auch hier nicht zu sehen. Auf der Motorhaube eines grünen Seats hockte eine Krähe, deren Augen durchdringend bis in die Tiefen der Seele hineinwirkten.

Ein Traum! Gleich wache ich auf!

Sie kam an einem typischen Lotto-Kiosk mit hohen Schaufenstern vorbei, die vollgepflastert waren mit Reklame für diverse Glücksspiele; Oddset, Lotto, Aktion Mensch. Durch die Scheiben konnte Secil keine Menschen im Inneren ausmachen, so dass von ihr kurzerhand entschieden wurde, das recht kleine Geschäft zu betreten. Offen stand die Zugangstür, beim Eintreten läutete gar eine analoge Signalglocke, worauf allerdings kein Bediensteter erschien. Allein stand Secil an diesem Orte und ihr Blick wanderte über das Zigarettenregal hinter der Kasse und jenen Bereich, wo die Zocker alter Schule noch Spielscheine aus Papier ausfüllen konnten. Hier ruhte auf der Ablagefläche neben den festgeketteten Kugelschreibern eine Handtasche aus braunem Leder oder Lederimitat. Sie war offen und Secil konnte beim Nähertreten Lippenstift, eine Packung Schmerztabletten, Mobiltelefon sowie eine Geldbörse als Inhalt erkennen. Daneben befand sich ein rudimentär ausgefüllter Lottozettel, der angekettete Kugelschreiber lag halb darauf.

Es sieht so aus, als wäre die Person mit dem Lottoschein Hals über Kopf aus dem Laden geflohen, ohne ihre Klotten mitzunehmen! Und der Kioskbetreiber gleich mit ihr!

Secil dachte nicht den Bruchteil einer Sekunde daran, die Geldbörse mit sich zu nehmen oder in die Kasse zu greifen, bevor sie auf die Straße zurückkehrte. Doch legte sie ein paar Euro auf die Werbegeldschale von IQOS und nahm ein Päckchen Zigaretten und ein violettes Einwegfeuerzeug mit sich. Zu Teenagerzeiten hatte Secil für drei, vier Monate versucht zu rauchen, weil das der Meinung der damals besten Freundin nach extrem cool gewesen wäre.

Nachdem Secil auf die Straße getreten war, entzündete sie eine Kippe, um den Rauch umgehend unter einem heftigen Hustenanfall wieder auszuspeien; eine Erfahrung, auf welche man getrost verzichten konnte, aber sie bewies ihr, sich nicht in einem schrägen Traum zu befinden.

Die Kippe flog in ein Siel. Durch den Kopf ging ein Gedanke, worauf zum Smartphone gegriffen und die heimische Festnetznummer angewählt wurde. Witwe Bold meldete sich nach mehrfachem Läuten mit dem gewohnten, dynamischen: „Ja, bitte!“

Ich will ihr noch nicht sagen, was gerade hier draußen Seltsames abgeht, weil es ihr vielleicht Angst machen könnte. Gott sei Dank ist wenigstens sie noch da!

So behauptete Secil einfach, sich beim Wählen verdrückt zu haben.

Noch da war neben der mobilen Telefon- auch die Internetverbindung, was ein kurzer Klick auf ihren Blog über ätherische Öle ergab.

Dann kam tatsächlich ein Mensch in Sicht. Es handelte sich um eine junge Frau mit strengem Gesichtsausdruck. Jene Frau trug eine enge Jeans, enges Oberteil, eine dünne Pseudobomberjacke darüber. Die Unbekannte mochte höchstens Anfang zwanzig sein und auf den ersten Blick wirkte sie, als hielte sie Begriffe wie Kirche, Bibel, Erlösung für irgendwelche DJs, die in den angesagten Clubs dieser Metropole auflegten, aber sie schrie andauernd aus, wobei Secil von ihr wohl nicht wahrgenommen wurde: „Das Strafgericht! Das Strafgericht kommt! Und alle, die nun nicht mehr da sind, befinden sich entweder im Himmel oder in der Hölle! Wer kann das schon wissen? Und wir, die wir jetzt noch übrig sind, werden entweder den Himmel oder die Hölle auf Erden bekommen! Wer kann das schon wissen? Das Strafgericht! Sehet nur dort drüben!“

Die Unbekannte wies mit ausgestrecktem Arm auf die andere Straßenseite und nun erst sah Secil, dass dort unter einem Baugerüst der bewegungslose Körper eines gestürzten Mannes verharrte. Mit dem Bauch voran lag er quer auf dem Bürgersteig.

„Das Strafgericht! Die Welt, wie wir sie kennen, geht nun zu Ende! Das Strafgericht!“

Ihr monotones Gekreische verlor rasch an Intensität, nachdem sie Secil passiert hatte, und weiter die Straße heruntereilte. Secil wechselte die Seite und sah, dass der Mann unter dem Gerüst um die fünfzig Jahre und tot war. Der Schraubendreher, welcher vom Gerüst gefallen sein und den Fußgänger erschlagen haben musste, lag direkt neben dem partiell zerschmetterten Schädel. Secil wollte, konnte nicht länger hinsehen.

Ihr Weg setzte sich fort. Vor Theodor Henschels Feinkostspezialitätenladen seit 1892, dessen außenstehende Warenständer jemand mutwillig zusammengetreten hatte, so dass Obst und Gemüse sich auf dem Gehsteig verteilten, traf Secil auf den nächsten, noch lebenden Menschen, bei dem es sich wieder um eine Frau handelte. Sie mochte sich in ihrem Alter befinden und wirkte recht blass unter den pechschwarzen Haaren.

„Es ist überhaupt kein Mensch mehr da!“, sprudelte sie direkt los und die Stimme klang dabei freundlich. „Nun gut, fast kein Mensch ist mehr da. Ich kann nur hoffen, dass wer aus meiner Depressionsselbsthilfegruppe heute Abend noch da ist. Nicht, dass die alle weg sind, gestorben oder was auch immer. Ich brauche die Gruppe mindestens genauso wie die Medikamente. Ich war schwer selbstmordgefährdet und sechzehn Wochen in einer Klinik an der Ostsee.“

Nun stapfte auch diese Unbekannte hinfort, wobei sie zwei auf dem Boden liegende Auberginen zertrampelte. Die Taxifahrerin blieb allein zurück.

Etwa zweihundert Meter weiter führte ihr Weg an einer Spielhalle vorbei, über deren Zugang eine neutralgelbe Sonne wachte. Secil war noch niemals aus freien Stücken an einem solchen Ort gewesen, doch nun, aus Gründen, die sich wohl niemals rekonstruieren lassen werden, trat sie hinein in diese halbdunkle Welt aus sanftem Kunstlicht und flimmernden Geldspielautomaten. Das Geschäft besaß größere Ausmaße, als es von außen vermuten ließ, doch auch hier weilte keine verlorene Seele. Über die Monitore der unzähligen Spielgeräte flackerten Symbole seltsamer Natur und Figuren aus alten, längst vergangenen Zeiten, wenn sie denn überhaupt jemals stattgefunden hatten. In ihr reifte die Vermutung, dass mit den antiken Darstellungen ein Retroverlangen in den Menschen gestillt werden sollte, um sie dauerhaft an die Glücksspielgeräte zu fesseln. Hier, in dieser fensterlosen Welt ohne Tageslicht, gab es viele Räume und vielmehr Maschinen. Die Displays der Geldspeicher einiger Geräte zeigten Guthaben an, so dass sie spielbereit waren, sobald man eine der rötlich pulsierenden Tasten drückte. Eines lief gar im Automatikmodus. Während Secils Schritte im Vorübergehen von dem dicken, dunkelfarbigen Industrieteppich beinahe vollständig verschluckt wurden, zogen über das Display Goldstücke, Zauberkugeln und Drachenköpfe zum simulierten Geräusch real rotierender Walzen hinweg. Neben einer dampfenden Tasse Kaffees lag auf einer Ablagefläche ein Smartphone. Der dazugehörige Automat wies ein Guthaben von 57,25 Euro auf. Sie stolperte über eine Damenhandtasche, eine plumpe Fälschung von MCM, die achtlos auf dem Boden lag, als habe ihre Besitzerin sie einfach aus den Händen gleiten lassen.

Die Menschen, die zuvor an diesem Ort weilten, haben auch hier alles stehen und liegen lassen und sind verschwunden! Wo sind sie hin? Was ist geschehen? Hält tatsächlich eine höhere Macht Gericht?

Tief im schummerigen Herzen dieses Ortes der Sünde existierte tatsächlich noch Leben. An einem Automaten vor einer der fensterlosen Wände saß ein Mann von Anfang sechzig, dessen spärliche silbergrauen Haare wirr von seinem runden Kopf abstanden. Sein Blick war fixiert auf die ägyptischen Götter, Zahlen und Symbole vor ihm auf dem Monitor, welche ein steriles Lichtspiel auf seine starren Gesichtszüge warfen. Sein schwarzes Oberteil, ein Shirt mit langen Ärmeln, bedeckten an den Schultern weißliche Schuppen. Kaffee stand auf dem Tischlein neben seinem Stuhl und Flecken desselbigen trockneten gerade in den Stoff seiner blauen Jeans auf Höhe der Schenkel ein.

Secil trat von hinten an ihn heran und legte dem Namenlosen die flache Hand auf die Schulter, worauf der Fremde sich zunächst gar nicht rührte, einfach nicht darauf reagierte. Dann, als habe sich der Nervenimpuls erst durch eine Panzerwand arbeiten müssen, drehte sich der Kopf des alternden Mannes langsam zu ihr hin. Seine blauen Augen fanden die ihrigen braunen. Sie verrieten Güte, jedoch auch Gebrochenheit und unbändigen Seelenschmerz. 

„Hallo! Ich bin Secil.“, stellte sie sich leise und sanft vor.

Der Glücksspielautomat gab eine synthetische Melodie zum Besten und auf dem Display vollführte nun die neutralgelbe Sonne Freudensprünge. Auf das Konto des Spielers wanderten 15,75 Euro, angezeigt durch blutrote Zahlen.

„Ich heiße Herbert.“, antwortete der Silberhaarige mit melodischer Stimme, welche jedoch voller unterdrücktem Seelenschmerz steckte. „Es gibt also doch noch Menschen, die übriggeblieben sind.“

„Ja! Sag bitte, Herbert, falls du es weißt, was ist mit den anderen Menschen passiert, die hier gewesen sind?“

„Die zwei, die mit mir in diesem Raume gewesen sind, haben sich einfach aufgelöst.“, fing Herbert zu berichten an und drehte den Spielsessel so, dass er direkt zu der jüngeren Frau aufblicken konnte. „Sie haben sich innerhalb einer Minute in ein Gebilde aus Pixeln verwandelt und sich im Anschluss schlicht und einfach in die gute, alte Luft aufgelöst, wobei die Verpixelung von der Brust ausging. Da vorne an dem Automaten saß so ein ganz junger Kerl von diesen Batschkappenträgern. Der war vielleicht zwanzig Jahre alt und schrie vor sich hin, während er im Auflösungsprozess begriffen war, dass nun die Strafe Gottes über uns alle käme. Wenn dem so ist und man wirklich dran geglaubt hat, muss man das irgendwie erwarten, wenn man sein Leben oder große Teile davon in einer Spielhalle verbringt. Ich persönlich glaube aber an diesen ganzen Krempel von Strafe und Erlösung nicht. Ich glaube, dass das, was hier gerade passiert ist oder vielleicht auch noch passiert, eines Tages wissenschaftlich erklärbar sein wird.“

Herberts Gesicht wirkte krank und besaß käsige Farbtöne. Eine dünne Schweißschicht stand auf seiner hohen Stirn. Aus den traurigen Augen blickte der klar gebrochene Mann sie eine Zeitlang schweigend an, um urplötzlich das Thema zu wechseln: „Ich bin spielsüchtig! Es hat angefangen, als meine Tochter vor fünf Jahren gestorben ist. Ein Vater überlebt nicht gerne das eigene Kind! Jedenfalls habe ich, um es wahrlich bildhaft zu formulieren, Haus, Hof und Ehe verjuckt, aber das war mir irgendwann vollkommen egal, solange das Spielen den Schmerz in der Seele betäubt hat. Jetzt gibt es für das Spielen keine Grenzen mehr! Ich war vorhin mal draußen, in der Welt jenseits der Spielhalle. Ich könnte in jedes Geschäft gehen, die Kassen öffnen und mir Kohle zum Zocken herausnehmen, denn es läuft ja kaum noch ein menschliches Wesen dort draußen herum! Ich habe mindestens 250 Euro in 2Euro-Münzen von der Wechselgeldkasse vorne im Eingangsbereich genommen und in diverse Maschinen hier hineingeworfen. Und weißt du was, liebe Secil? Es tötet den Schmerz nicht mehr! Das Medikament ist so vollkommen wirkungslos! Das Spielen gibt mir nichts mehr! Wahrscheinlich kann ich mich nur betäuben, wenn ich mir das Geld zuvor irgendwo erschnorrt oder ergaunert habe, mich dadurch noch weiter in die Schulden geritten habe! Es wirkt nur, wenn es mich finanziell und sozial weiterzerstört! Wahrscheinlich ist das eine wichtige Regel dieses unsichtbaren Spiels von Ursache und Wirkung.“

Herbert fing plötzlich zu weinen an. Er schlug die großen Handflächen vor das kranke, blasse Gesicht und schluchzte mit einer wahrhaft herzzerreißenden Intensität.

„Der Schmerz!“, ertönte es immer wieder zwischen den Schluchzern. „Der Schmerz!“

Secil wusste nicht, was sie erbarmungswürdiger finden und worüber sie sich mehr wundern sollte; die beinahe menschenleere Welt oder dieses Häuflein Elend hier vor sich in dem Drehstuhl aus schwarzem Lederimitat. Sie legte automatisch ihre Hand zurück auf Herberts Schulter und drückte sie seicht.

Während die beiden Menschen dort für den Moment gleich einer Statur der Moderne verweilten, ertönten draußen – sogar hier in den Tiefen der finsteren Spielhalle deutlich zu vernehmen – Schüsse.