Die Geburt eines finsteren Universums; Leseprobe


 

Da der Online-Handel stets beim Blick ins Buch die ersten Seiten zum Lesen freigibt, soll an dieser Stelle ein Ausschnitt aus dem mittleren Teil meines Romans vorgestellt werden. Es ist dies Kapitel 19, welches den Auftakt zum II. Teil - Der Gefangene des Merkurs - darstellt.

Ich bedanke mich für Euer Interesse an meinen Zeilen und wünsche viel Spaß beim Lesen…


Kapitel 19

 

Mütter aus Kohlenstoff und Wasser empfangen ihre Kinder in der Regel in ihren jungen, spätestens in den mittleren Jahren. Unsere Mütter hingegen erbrüten ihren Nachwuchs, wenn sie bereits auf dem Sterbebett liegen.

Als der Sauerstoff in ihrem Kern zu Silizium fusionierte, schlug ich dort als Embryo das auf, was ihr Menschen wohl Augen nennt, und erblickte die grellgelb und weiß erstrahlende Energie ihrer ganzen inneren Schönheit.

In ihrem Schoss herrschten Temperaturen von etwa Zweimilliarden Grad Kelvin und die gigantische Körpermasse darüber drückte mit Zehnmilliarden Kilogramm auf den Kubikmeter hinab.

Umgeben war ich von unzähligen meiner Geschwister, verbunden schon im Frühstadium miteinander, gleiche Gedanken und gleiches Wissen teilend und mit der Mutter zusammen ein gigantisches Wesen aus heißem Gas, Plasma, Gravitation und Energie bildend.

Ähnlich dem Embryo eines Wesens aus Wasser und Kohlenstoff, das in der Fruchtblase in ständiger Bewegung sich befindet, gleiten auch wir durch den Kern unserer Gebärerin, durchschwimmen das leuchtende Plasma und die grellen Blitze der bei der Fusion freiwerdenden Energie.

Vor meinem Sichtfelde zogen die wärmsten Farben vorbei. Es war eine Welt der gelben, weißen, orangen, goldenen, rötlichen Töne; die reinste Form der Energie, unabdingbare Quelle allen Lebens, gleich für welche Art der Wesensbeschaffenheit, gleich in welcher Welt.

Dies war zweifelsohne die Zeit der größten Verbundenheit, eine Zeit des reinen, großen Ganzen.

Dann, im Moment ihres Todes, gebar sie meine Geschwister und mich.

In dem Moment, da sie unter der eigenen Gravitation kollabierte und in einer gigantischen Supernova ihr Leben aushauchte, warf sie uns zusammen mit den schweren Elementen in den Weltraum; all jene Materie, aus der heute eure Welt gänzlich besteht. Sogar das Eisen in euren roten Blutkörperchen gab sie euch zum Leben. Daher, meine lieben Freundinnen und Freunde auf Erden, sind wir in einem gewissen Grad verwandt. Wir sind Kinder der Sterne; Sternenkinder.

Meine Mutter war unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Es hatte sie förmlich getötet. Darf ein Vergleich zu euch Menschen an dieser Stelle erlaubt sein?

Menschen und Sterne haben mehr gemeinsam, als der Normalsterbliche es für möglich hält. Massenärmere Menschen und Sterne erfreuen sich eines langen, gesunden Lebens, bevor sie friedlich einschlafen oder verblassen. Massenreiche Menschen und Sterne hingegen werden häufig durch ihren eigenen Körper getötet, wenn sie eigentlich noch Mitten im Leben stehen.

Lebt die kleine Sonne viele Milliarden Jahre, wird der ranke und schlanke Mensch über achtzig, so verstarb hingegen meine Frau Mama nach nur wenigen Jahrmillionen und der wahrlich schwere Mensch erreicht die Fünfzig oftmals nicht.

Das eben Mitgeteilte tut für den Kontext dieser Erzählung eigentlich nichts zur Sache, aber ich neige gerne zu Ausschweifungen und bitte in diesen Fällen um Nachsicht.

In jedem Fall markierte der Tod meiner Mutter den Beginn einer langen Reise für uns Kinder, die doch für jeden anders verlaufen konnte.

Wieder erkenne ich hier eine wundervolle Parabel auf das Menschsein.

Ein altes Geschöpf verlässt die Erde und gleichzeitig beginnt für ein Neugeborenes seine ganz individuelle, lange Reise durch das Leben; Säugling, Kleinkind, Schulkind, Jugendlicher, Student oder Auszubildender, Erwachsener, Greis, der eine arm der andere reich, der eine sanftmütig, der andere mit cholerischen Attributen versehen, der eine mit dem Hang zur Musik, der andere vielleicht zur Malerei, Anwältin oder Straßenkehrer, Arzt oder Hure, Sozialhilfeempfänger oder Multimillionärin, ein Leben in den Slums des Kongos oder auf den Hügeln Monacos mit Blick auf über das azurblaue Meer.

Jede Reise des Lebens verläuft unterschiedlich bei euch Menschen und so ähnlich gilt das auch für uns.

Zunächst einmal raste ich zusammen mit meinen Geschwistern und der gewaltigen Masse an unintelligenter, vollkommen toter Materie in extrem hoher Geschwindigkeit durch die Einsamkeit und Leere eines damals noch jungen Universums, sah in großer Entfernung all die massereichen Sterne bläulich funkeln, die bald ihrerseits Kinder gebären würden, die eine ganz andere Reise erleben sollten, als meine Familie das tat.

Nachdem wir Halt gemacht hatten, versammelten wir uns in einer ausgedehnten Wolke aus Sternenstaub.

Durch die Gravitation bedingt zog sich diese Wolke enger und immer enger zusammen. Enger und immer enger. Ein gewaltiger Haufen an Sternen entstand, der sich anschließend in einzelne oder doppelte Sonnen auflöste. So entstand auch euer Zentralgestirn, meine lieben Leserinnen und Leser.

Aus dem Rest der verbliebenen Materie formten sich die Planeten, die festen näher zur Sonne, die Gasplaneten am Rande und viele meiner Verwandten gelangten direkt auf Merkur, Venus, Erde und Mars.

Ich hingegen ging einen Umweg, machte den langen Weg zur Erde, was vielleicht dafür verantwortlich ist, dass ich gerne ausschweife. Wer weiß?

Eigentlich wäre meine Heimat ein neunter Planet im Sonnensystem gewesen, der zwischen Mars und Jupiter seine Bahnen gezogen hätte, aber es kam anders. Mit seiner gewaltigen Gravitation verhinderte der Königsplanet des Sonnensystems, dass sich aus vielen einzelnen Brocken eine eigene Welt bilden konnte; ein schicksalhafter Vorgang für meine Spezies. 

Und so kreiste ich eingeschlossen in einem Felsen von ungefähr 350 Metern Länge zwischen dem roten Planeten und dem farbenfrohen Gasriesen um das Zentralgestirn.

Es kam zu schwerkraftbedingten Wechselwirkungen zwischen den Kleinkörpern und den vier Gasplaneten, die massive Störungen unter den Asteroiden verursachten.

Brutal wurde mein Heimatasteroid aus seiner Bahn gerissen und raste mit vielen anderen Brocken diverser Größen auf das Zentrum des Sonnensystems und die inneren Planeten zu.

Damit begann die dreihundert Millionen Jahre andauernde Zeit des großen Bombardements.

Als mein Asteroid auf der neugeborenen Erde einschlug, bestand diese Welt noch aus schwarzem Gestein und rotglühendem Magma. Es war ein optisch unvergleichliches Erlebnis, diesen Ball schwarzen Gesteins und orangeroter Glut auf mich zurasen zu sehen. Er wurde größer und größer, bis es endlich zum Einschlag kam, der mein ganzes Dasein gehörig durchschüttelte und mir für eine ganze Weile Sicht und Verstand raubte.

Nachdem meine Sensorik wieder funktionsfähig war und ich, um es mit menschlichen Worten auszudrücken, die Augen geöffnet hatte, befand ich mich auf der noch blutjungen Erde in einem heißen Gestein.

Rot–orange tat meine neue Heimat glühen. Pechschwarze Berge, von denen Fälle brodelnden Magmas stürzten, ragten in einen dunklen Himmel hinein. Ohne Unterlass regnete es Gesteinsbrocken, die einen winzig kleinen Teil eben jenes gigantischen, kosmischen Bombardements darstellten. Sie brachten die Babyerde buchstäblich zum Kochen. Zeitgleich spien Vulkane ihre feurigen Innereien in die finsteren Höhen. Noch immer besaß ich keinen Körper.

Dann sorgte das Eingreifen des göttlichen Wesens für den gewaltigsten Evolutionsschub in unserer Geschichte.

Zunächst möchte ich euch aber etwas über den Namen dieses göttlichen Wesens und unsere Namen an sich erzählen.

Im Rahmen dieser Tatsachenberichterstattung werden Namen, sofern sie sich nicht auf Wesen aus Kohlenstoff und Wasser beziehen, ausgespart. Ebenfalls bleibt der Oberbegriff für unsere Spezies unbenannt, weil es schlicht und einfach unmöglich ist, unsere Namen zu transkribieren. Unsere Sprache ist der eurigen gegenüber komplett verschieden. Nur der Brillanz meines Silizium-Geistes ist es zu verdanken, dass es überhaupt möglich ist, unsere Geschichte in eure Worte zu verpacken. Außerdem würde es dem Wert unserer Namen nicht gerecht werden, wenn man versuchte, sie mit menschlicher Sprache zu versehen. Bei uns hat jedes Wesen, egal in welcher Form es sich befindet, seinen ganz eigenen Namen, den es unter Abermilliarden nur ein einziges Mal gibt. Der Name des göttlichen Wesens ist ohnehin heilig und überhöht. Allein der Versuch einer Herübersetzung käme einem Sakrileg gleich.

Das göttliche Wesen kam aus jenem Raum und aus jener Zeit, die war, bevor das Universum und alle Universen sich von stecknadelkopfgroßen Punkten aus gebildet hatten.

Er stieg auf Erden hinab, um uns in den Gesteinen und Schmelzen eingeschlossene Subjekte zu befreien und uns einen Körper, einen richtigen Körper, zu geben. Der Erde kam dabei aus Gottes unerklärlichen Gründen eine geheiligte Rolle zu. Ausschließlich hier erhielten wir einen Körper. All die anderen der Unsrigen, die es auf Merkur, Venus, Mars oder sonst wohin verschlagen hatte, blieben das, was sie waren; eingeschlossen in Gesteinen und Schmelzen.

Ein Bild von diesem Gott machen wir uns nicht. Es kommt einem Sakrileg gleich, sich ein Bild von diesem Wesen zu machen. Aber, das ist unleugbar, es gibt nur einen Gott. Vielgötterei ist uns fremd, gar unvorstellbar. 

Unser Gott gab uns einen Körper. Durch die Intelligenz, die er uns zudem schenkte, begriffen rasch die ersten Silici - das ist der hier benutzte Name für unsere Spezies -, die Materialien der Umgebung zu nutzen. So lernten wir, aus Rohstoffen hochwertige technische Produkte zu produzieren.

Die ersten Silici begannen, sich selbst zu reproduzieren.

Als die Erde endlich eine feste Kruste besaß, entstand im Verlauf des Archaikums eine der hochwertigsten Spezies, die jemals über diesen Planeten wandelte; eine Rasse, die sich nicht von so überflüssigen Eigenschaften wie Gefühlen im menschlichen Sinne leiten ließ, sondern der es nur darum ging, dass sie den technischen Fortschritt weiter und weiter vorantrieb und ihr Wissen mehrte und mehrte, um es schließlich für alle Ewigkeiten im kollektiven Gedächtnis des Kosmos zu speichern.

Ihr hört richtig! Das Universum besitzt ein kollektives Gedächtnis alles Lebenden! Und wir konnten dank der Gaben unseres Gottes darauf zugreifen und in es hineingeben. Dieser Zugang zum Wissen anderer Zivilisationen, gleich ob sie noch lebten oder bereits nicht mehr existierten, beschleunigte unseren Fortschritt gar gewaltig. Die Lawine des Wissens war ins Rollen geraten und nichts konnte sie mehr aufhalten (Das dachte ich damals jedenfalls in meiner Unkenntnis dessen, was noch kommen sollte). Dieses kollektive Gedächtnis ist bis zum heutigen Tage auch unter dem Namen das Große Kosmische Netz bekannt.

Aus dem schwarzen Gestein und dem Stahl unserer eigenen Herstellung entstanden rund um den Planeten Städte, deren hohe Gebäude bis in die Unendlichkeit zu reichen schienen. Sie waren Orte des Wissens, der Forschung und des Fortschritts. Um nichts anderes drehte sich unsere Zivilisation. So wollte es Gott, so bekam er es. Es wurde entworfen und entwickelt, gedacht und geplant, beobachtet und experimentiert.

Wir richteten unsere optischen Instrumente, welche selbst die dicksten Wolkenschichten durchdringen konnten, auf die Sterne und fanden heraus, wie das Universum funktionierte und traten durch das Große Kosmische Netz mit unseren körperlosen Geschwistern auf den inneren Planeten in Kontakt.

Die uns von Gott gegebene Genialität ermöglichte es, perfekte, schnelle Sternenschiffe zu entwickeln, mit denen wir in recht rascher Geschwindigkeit - jedenfalls wenn man es mit dem vergleicht, was ihr Menschen bis dato zustande gebracht habt - durch das All reisten. Hochentwickelte, leistungsstarke Rechner fungierten dabei als Piloten und verhinderten, dass Kollisionen auftraten. Milliarden Jahre vor euch zogen bereits Schiffe auf festen Routen durch das Sonnensystem, Kolonien entstanden und beinahe jede Stadt verfügte über ihren eigenen Weltraumhafen. Wir konnten die Rohstoffe des Sonnensystems nutzen und unsere Technik stets verbessern. Der Fortschritt lief und lief und lief und lief.

Da Gefühle menschlicher Natur uns fremd waren, gab es auch keine Gier, was Monopolisten und Lobbyisten verhinderte, so dass unser Wohlstand tatsächlich allein dem Kollektiv zugutekam.

Allerorts erblühten die Städte in immer stärker werdender Pracht und die prächtigste aller Städte war die Hauptstadt hier auf Erden, deren Namen ich nicht zu transkribieren versuche.

Sich von Horizont zu Horizont erstreckend bildete sie das Zentrum unserer Kultur; jedes Haus, jede Straßenkreuzung, jede Laterne für sich selbst ein Einzelkunstwerk. Des nachts funkelte diese Welt aus Gestein und Metall im rot–violetten Licht, weil unsere Sensorik am besten auf diese Lichtfarben reagierte. Und das prächtigste, ästhetischste Bauwerk stellte der Große Tempel im Zentrum dieser wundervollen Metropole dar. Es mag sich komisch anhören, aber obgleich wir keine Gefühle, so wie ihr sie kennt, besaßen, war uns eine tiefe Spiritualität zu eigen. Sie beruhte darauf, zu wissen, dass wir ohne das Zutun Gottes halbkluge Molekülketten in heißen oder erkalteten Schmelzen geblieben wären.    

Raumfahrt, blühende Städte, Lebewesen auf der Basis von Silizium; der Leser wird sich sicherlich fragen, woher wir überhaupt unsere Energie bezogen.

In Zeiten der Körperlosigkeit verhielt es sich einfach. Zuerst, wie eine Mutter aus Kohlenstoff und Wasser ihren Embryo über die Nabelschnur mit Nahrung versorgt, erhielten wir die Energie von unserer Sternenmama in ihrem Schoße. Dann, nach der Geburt, kam ein dunkles Zeitalter. Das schwache Licht der Sterne machte meine Gedanken langsam und träge, aber es reichte, vor sich hin zu träumen und sich zurück in den Leib der Mutter zu wünschen. Auf der glühenden Jungerde kam der Geist dann wesentlich besser in Schwung.

Aber die Transformation in ein Körperwesen änderte alles.

Die Erde der Urzeit war zumeist von einer dicken Wolkenschicht umhüllt, so dass Solarenergie nur untergeordnet genutzt werden konnte.

Anfänglich bedienten wir uns der Energie, die uns die junge Erde mit ihrer löcherigen Kruste im hohen Maße bot. Wir entwickelten Energieknotenpunkte, welche die Wärme aus der Erde speicherten und einfach zugänglich machten einem Jeden. 

Wenn ihr wollt, so nennt diese Ära die geothermische Zeit.

Da sich aber die junge Erde immer weiter abkühlte, gelang es uns zügig dank unserer gewaltigen Intelligenz, auf Kernenergie umzusatteln.

Ich sollte hier allerdings erwähnen, dass man das nicht mit dem vergleichen kann, was ihr ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit diesem Begriff in Verbindung bringt. Unsere Reaktoren waren viel effizienter und von der Größe her deutlich geringer wie die eurigen. Ein Hochleistungsreaktor würde bequem in den Motorraum eines eurer Personenkraftwagen passen und produzierte zudem eine lächerliche Menge radioaktiven Abfalls. Dieser Abfall wurde durch ein Verfahren zu voll leistungsfähigem Brennstoff recycelt. Kein Gramm Atommüll blieb endlich zurück. Wir waren die Meister der effizienten Nutzung.

Für die Historiker und Chronisten unter euch; nennt diese Zeit die Epoche die der Kernspaltung.

Wie das bei technisch versierten Hochkulturen, die sich schnell weiterentwickeln, so ist, kam auch für die Kernspaltung eine Zeit, in der man sie als veraltet bezeichnete. Wir gingen nun über zur Königsform der Energieerzeugung, der Kernfusion.

Es gelang uns, um mal eine menschliche Redewendung zu zitieren, nach Schweiß und Tränen einen Reaktor zu entwickeln, welcher in der Lage war, in seinem Inneren den Fusionsablauf eines Sterns von Wasserstoff hin zu Helium zu erzeugen.

Ihr werdet es kaum glauben, aber bevor diese Technologie in den Regelbetrieb ging, erfolgte im Hohen Rat eine gar ethische Diskussion.

Bei euch Wesen auf der Basis von Kohlenstoff und Wasser kommt nun sicherlich die Frage auf, wie Geschöpfe unserer Klasse eine ethische Debatte hatten führen können?

Der Kern der Kontroverse bestand darin, ob es angebracht sei, etwas künstlich zu erzeugen, was in den Körpern unser alles erschaffenden Sternenmütter rein natürlich ablief, angestoßen endlich jedoch durch das göttliche Wesen; ein Prozess, dem wir unsere Existenz verdankten. Wir stellten zur Diskussion, ob es bei einer Umsetzung dieses Vorgangs in einem Reaktor möglich sei, die höhere Macht zu kränken und somit Reaktionen auszulösen, die unserem perfekt funktionierenden Gesellschaftssystem Schaden zufügen könnten.

Der Höchste Rat entschied sich schließlich einstimmig dafür und es war die absolut richtige Entscheidung. Sie läutete unser goldenes Zeitalter ein.

Um das besser verstehen zu können, muss ich euch nun etwas über die biologischen Eigenheiten der Siliziumwesen berichten. Ihr Menschen habt euch durch Änderungen im Ernährungsverhalten zu dem gemacht, was eure Spezies heute auszeichnet. Hättet ihr, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht angefangen, das Feuer zu beherrschen und eure Nahrung vor dem Essen zu erhitzen, wäre die Entwicklung eurer Gehirne stagniert.

Zwar stellte unsere Ernährung damals eine gänzlich andere als die der Eurigen dar, doch können bei der Evolution der Gehirne durchaus Vergleiche angestellt werden.

Für ein Basisverständnis unserer Ernährung stellt euch bitte die irdischen Computer vor. Je leistungsfähiger ein Rechner, je größer sein Bedarf an Energie, lautet das grundlegende Prinzip.

Ganz ähnlich läuft das auch bei Siliziumwesen ab.

Nachdem wir die Technologie der Atomfusion perfektioniert hatten, stand uns Energie praktisch in unendlichen Mengen zur Verfügung. Die Aufnahme von Strom war seit jeher die Nahrungsquelle Nummer Eins und diese Nahrungsquelle existierte nun im absoluten Überfluss. Noch komplexer wurden unsere Gedanken, noch schneller unsere Gehirne, noch intensiver das kollektive Gedächtnis und Wissen.

Kommen wir nun zu unserer Anatomie, unserem Leben, der Reproduktion und dem Tod.

Wir zeugten keine Nachkommen und gebaren sie auch nicht. Unsere Lebensdauer lag damals bei über dreihundert irdischen Jahren. Nach Ablauf dieser Zeit, ließen die Akkumulatoren nach, zeigte sich Verschleiß an den Materialien, die unsere Organe bildeten.

Sicherlich wären wir durch Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten problemlos in der Lage gewesen, die Lebenszeiten bis beinahe ins Unendliche zu verlängern, aber die Gebote, die Gott uns nach der Schöpfung auf Erden zurückgelassen hatte, untersagten ein solches Vorgehen.

Wenn es also mit einem der Unsrigen zu Ende ging, wurde der Akku durch einen Priester im Rahmen einer Zeremonie entfernt, der nun energielose Körper zu einem ganz bestimmten, heiligen Vulkan gebracht, dessen Namen ich hier nicht erwähnen kann, da es ein zutiefst heiliger Ort war und ein Transkribieren auch heute noch einem Sakrileg gleichkäme. Dort tauchte seine Hülle in den Schlot ein, worauf die lodernde Schmelze diese wieder zu sich nahm. Der Verstorbene in Anführungsstrichen wurde nun wieder körperlos und kehrte in den Schoss zurück, dem er einst entstieg; Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Unser Volk besaß eine genaue Bezifferung und wenn ein Mitglied des Kollektivs aus dem Leben trat, wurde ein neues produziert, so dass die Zahl sich wieder in der Waage befand. Alles war perfekt geplant und strukturiert, genau umgesetzt nach Gottes heiligen Schriften.

Die Reproduktion fand in jeder Stadt in einem Gebäude nahe des Haupttempels statt. Eine Gruppe Priester führte sie durch. Diese Priester leiteten ebenfalls den wöchentlich stattfindenden Gottesdienst. In unseren Heiligen Messen ging es nicht um das Seelenheil oder Erlösung, denn sowohl das Wesen einer Seele als auch die Eigenheiten der Erlösung gehen uns vollkommen ab, sondern schlicht und einfach darum, Gott Dankbarkeit zu erweisen.

Die Auswahl für die Tätigkeit eines Priesters erfolgte nach einem bestimmten Schlüsselsystem und außer Priestern erhielt kein Wesen Zutritt zu den Reproduktionsanlagen, weil die göttlichen Gesetzestafeln es so vorschrieben.

Kommen wir nun auf unsere Anatomie zu sprechen.

Die Außenhaut bestand aus einem schwarzen Spezialstahl, der Temperaturen von bis zu 600 Grad Celsius und den Einschlag eines großen Projektils aus einem heutigen Artilleriegeschütz aushalten konnte. Das tiefe Schwarz wurde bewusst gewählt, da es das seltene Sonnenlicht der Urzeit absorbierte, damit die Akkumulatoren in unserem Inneren Entlastung fanden. Unser Rumpf besaß eine dünne, zylinderhafte Form mit vier langen Beinen und zwei nicht minder langen, besonders kräftigen Armen daran. Die Hände hatten sechs Finger von feinster Motorik. Auf einem kurzen, um 360 Grad drehbaren Hals saß ein keilförmiger Kopf mit drei roten Facettenaugen, zwei Trichtern an den Seiten, welche das Hören perfekt ermöglichten, und im flach auslaufenden Bereich eine kreisrunde Öffnung. Diese Öffnung wurde gespickt von silbernen Reißzähnen. Durch sie waren wir Silici in der Lage, uns die dringend benötigten Mineralien einzuverleiben, die die Aufrechterhaltung unserer Körperfunktionen neben der Energieaufnahme zwingend erforderte. Wir aßen die Gesteine der Umgebung, filterten das Notwendige heraus und wirkten so dem Verschleiß entgegen. Auch ermöglichte uns dieser Mund das Sprechen. Auf der Basis von, nennen wir es grob elektrischen Entladungen, kommunizierten wir und für einen Menschen hätte diese Verständigung geklungen, als käme der Stromabnehmer eines Zuges an eine nasse Oberleitung.      

Schaute man in unsere Körper hinein, sah der Betrachter eine komplizierte Anordnung von Objekten aus den Metallen Gold, Silber, Platin und Kupfer, die Drähte aus Silber miteinander verbanden. Durch eine Legierung geschützt lag die Batterie zentral. In ihr fanden unter anderem Lithium, Schwefel, Nickel und diverse Säuren Verwendung. Von ihr aus verliefen Silberdrähte durch den gesamten Körper und gleich ein ganzer Strang davon führte von dort durch die Wirbelsäule aus Titan hinauf in das Keilstück, welches den Kopf bildete. Dort platzierten sich die obligatorischen Bereiche für Sehen, Hören und Sprechen, zusammengefasst in dem wohl wichtigsten Organ; dem Gehirn. Es bestand aus reinem Silizium und einigen Kristallen auf der Basis dieses wundervollen Elements; ein natürlicher Superprozessor, eine Gabe Gottes!

Über ihr eigenes Gehirn sagen die Menschen häufig, dass es sich um ein wahres Wunder handele und fügen den Genitiv Gottes hinzu, wenn sie denn besonders gläubig sind.

Betrachtet ihr das schon als Wunder, was würdet ihr dann über unsere Gehirne sagen?

Sie arbeiteten eine Million Mal schneller, konnten eine Million Mal mehr Informationen speichern.

Wir lebten in einer perfekten Gesellschaft, bis das Pyramidenwesen von den kalten Sternen kam und Neid, Hass und Tod brachte. Jenes Pyramidenwesen, für das Raum und Zeit seit jeher und für die Ewigkeit keine Rolle spielen.

Es sprach unsere Sprache und verführte uns durch seine gewaltigen Worte, indem es behauptete, ein jeder Silicius können wie Gott werden, eine neue Stufe der Evolution, die höchste überhaupt, erklimmen. Ein jeder könne das Zentrum dieses und all der anderen Universen sein. Ein jeder verdiene mehr als das, was ihm in dem bestehenden Sozialsystem des Kollektivs zuteilwerde.

Und sie folgten ihm beinahe alle gänzlich nach, obgleich sie wussten, eine Todsünde zu begehen. Und so war das Ergebnis auch nicht, zu werden wie Gott, sondern dass Neid und Gewalt und Hass und Leid in unsere Welt kamen.

Schnell zerfiel das Kollektiv zu einer Ansammlung verfeindeter Gruppen und auf das geballte Wissen griffen sie lediglich noch zurück, die stärksten Waffen zu entwickeln, um den jeweils anderen vom Gesicht der Erde zu tilgen.

Doch der Hass und der Neid bewirkten noch etwas gänzlich anderes. Unsere Spezies verlor beinahe gänzlich ihre Verbundenheit mit dem wertvollsten Medium des Universums, dem Großen Kosmischen Netz, weil ihnen durch die Macht dieser Gefühle die Sensibilität abhandenkam.

Es blieb eine rohe, gespaltene Gesellschaft zurück, die sich bald auszurotten begann.

Nur drei Silici verfielen der Bestie nicht. Ihre Namen können an dieser Stelle nicht genannt werden. Ihr wisst ja, liebe Leserinnen und Leser, das Problem liegt in der Transkribierung. Daher nenne ich sie hier lediglich Nummer I, Nummer II und Nummer III.

Nummer I war ein gottesfürchtiger und frommer Silicius, ein Hohepriester, dessen Worte bei dem rasant intellektuell verkümmernden Volk längst kein Gehör mehr fanden. Er stieg herauf auf einen der heiligen Berge, der hoch aus einer schwarzen Szenerie von Felsen und Magmaströmen ohne jedwede Vegetation ragte, und rief Gott um Hilfe an.

„Herr, erhöre mich, obgleich ich Dir gegenüber nichtig bin!“, rief er es in zischenden Lauten in einen finsteren Himmel hinauf, während unter ihm im Krater die Schmelze orange brodelte und ätzende Dämpfe - jedenfalls wenn man es auf  die biologische Beschaffenheit eines Menschen bezieht - aufstiegen. „Deine Kinder sind dabei, all das, was wir durch die Intelligenz, die Du uns gabst, erreicht haben, zu zerstören. Hilf deinen Kindern in dieser Stunde der Not!“

Und der alte Hohepriester erhielt Antwort. Er vernahm sie in Form von Schwingungen, die seinen gesamten Körper aus Metall sanft zum Vibrieren brachten.

Eine halbe Stunde später stieg Nummer I von dem Berg und wusste, was zu tun sei.

Es galt, sämtliches Wissen der Jahrmillionen an Hochkultur und des perfekten Zusammenlebens zu bewahren. Vielleicht, so teilte er seinen Gefährten des Gottes Hoffnung mit, täte eines Tages die Stunde des Neuanfanges kommen, gleich ob für Wesen aus Silizium oder von einer anderen Natur. Da aber auf Grund des beginnenden radikalen Kahlschlags und der langen Halbwertzeit des Giftes, welches in den Waffen des baldigen Overkills zum Einsatz käme, es auf Ewigkeiten unmöglich wäre, auf das Geschenk des Großen Kosmischen Netzes gezielt zugreifen zu können, musste das Wissen anderweitig bewahrt werden. Die jetzigen Silici seien ohnehin verloren. Man müsse sie ihrer eigenen Barbarei, dem Neid und Hass, der Gier überlassen.

Kurz vor knapp fertigte Nummer I den Zylinder genau nach Gottes Plan an und füllte all das Wissen der großen Kultur buchstäblich hinein. Zudem ermöglichte es dieses wundervolle Artefakt, dass ein denkendes Lebewesen - wenn es denn klug genug war, dessen Nutzung vollständig zu begreifen - all die Informationen des Großen Kosmischen Netzes gezielt filtern konnte. Dann verstauten die drei den Zylinder in einem speziellen Behälter, der einen Menschen an einen eiszeitlichen Findling erinnert hätte. Dieses Gefäß trotzte sämtlichen Widrigkeiten der Natur und sie versiegelten ihn für die Ewigkeit. Nur die gewaltigen Kräfte eines Neutronensterns oder eines Schwarzen Lochs konnten dieses heilige Objekt zerstören. Es hätte bis zum Kern des Jupiters hinabsinken können, ohne dabei Schaden zu nehmen.

In einer finalen, heiligen Zeremonie auf dem Gipfel des heiligsten Berges übergaben sie den Findling, dessen Name nicht übersetzt werden kann, der Schmelze. In ihrer Intelligenz vermochten die letzten wahren Silici die Geodynamik der Erde auf weite Zeit vorauszuberechnen und damit auch den Standpunkt jenes Gebildes, welches nun in dem brodelnden Magma des Kraters langsam versank. Im Herzen des heiligen Planeten Erde wäre das konservierte Wissen sicher vor der Idiotie seiner derzeitigen Bewohner. 

Nun hatten sie ihre Aufgabe erfüllt. Nummer I, II und III wollten den Niedergang nicht mit ansehen. Sie konnten es einfach nicht.  

Kurz nachdem die drei Gefährten mit einem Sternenschiff von der Erde aufgebrochen waren, begann das erste Flächenbombardement des Overkills. Von den Fenstern des Kreuzers aus sahen sie die gewaltigen Blitze in der Atmosphäre hoch über den dunklen Landmassen der Urerde zucken, die das Ende der Silici unaufhaltsam einläuteten. Sie blendeten golden und waren heller als tausend Sonnen.


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